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"Himmlische Verhältnisse"

Planetorama Hasliberg


von Klaus Kohl
Seit einiger Zeit ist das zentrale Max-Cassirer-Haus der Ecole d'Humanité mit einer großen Kugel aus glänzenden Aluminiumbändern "gekrönt", die besonders von Osten her dem Besucher des Haslibergs auffällt. Was soll sie da?


Sie soll die Sonne darstellen, mit 1,40 m Durchmesser ist sie aber milliardenmal kleiner als die richtige Sonne.
Viele Orte , auch manche Schulen haben einen "Planetenweg". Maßstab 1:1 Milliarde [1 Meter = 1 Million Kilometer] - (oder, wenn es nicht so lange Wegstrecken sein sollen, 1:10 Milliarden (10 cm =1 Million Kilometer) oder noch kleiner, manchmal aber auch noch größer ) -. Von der Sonne im Zentrum geht der "Weltraumreisende" wandernd weiter, nach 58 m trifft er am Merkur auf den ersten Planeten des Sonnensystems. Im richtigen Maßstab ist der dann ein knapp 5 mm großes Kügelchen, dort ist dann wohl auch eine Tafel mit den wichtigsten Eigenarten dieses Planeten aufgestellt. Die meisten Leute haben ihn noch nie am Himmel gesehen, weil er für uns immer so dicht neben der Sonne steht. Venus folgt nach weiteren 50 Metern, mit 12 Millimetern schon respektabler in der Größe und jedem Himmelsgucker als Morgen- und Abendstern in glänzender Erinnerung. Wieder eine Tafel - aber die Sonne ist meist schon hinter Wegecken verborgen. Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und Pluto... Mindestens 6 km muss man zurücklegen, um mit allen Wegbiegungen einen solchen Planetenweg zurückzulegen. Nun, auch in der himmlischen Natur stehen die Planeten kaum einmal "in Luftlinie" hintereinander.
Wir haben für unser Projekt einen anderen Weg und deshalb auch einen anderen Namen gewählt:

"Planetorama Hasliberg"


Wie der Viertelbogen eines klassischen Theaters steigen die Hänge des Haslibergs rund um Goldern nach Norden und Osten auf, mit freier Sicht auf Goldern von vielen Plätzen aus. So lag es nahe, das milliardenfach verkleinerte Planetensystem -100 Millionen Kilometer schrumpfen auf 100 Meter- in eine Karte des Haslibergs einzuzeichnen und zu schauen, wo ein fertiger Wanderweg an den richtigen Stellen den Blick auf die Ecole mit ihrer Sonnenkugel freigibt. Es gibt ihn! Es ist der gut ausgeschilderte Weg von der Planplatte nach Schlafenbühlen - Moosbühlen - Gwiggi - Steinwurf - Oppersgaden - und dann dem Mühlebach entlang nach Goldern.
In dieser Richtung ist der Weg auch keine anstrengende Bergtour. Nachdem man mit der Seilbahn bis auf Planplatte gefahren ist, und sich nach dem phantastischen Rundblick im "Alpentower" gestärkt hat (eine 'Neptun-Bar' ist dort noch nicht eingerichtet, würde vielleicht auf einem Alpengipfel auch falsche Assoziationen wecken?) ist der schöne Weg bei gutem Wetter und mit gutem Schuhwerk durchaus gut begehbar.
Es fehlen allerdings die bei anderen Planetenwegen üblichen Hinweistafeln oder gar Modelle, denn die Kosten stehen in keinem vernünftigen Verhältnis zu ihrer Lebensdauer. Deshalb soll der folgende Text dem Wanderer eine Orientierungshilfe sein.

Zum 'Pluto' aufs Rothorn (das Hasliberger, nicht das viel bekanntere Brienzer!) zu gelangen, dazu gehört allerdings schon etwas alpinistisches Können - lohnt sich das überhaupt für ein etwa 3 mm großes Kügelchen? Begnügen wir uns lieber mit der Ausrede, dass er zur Zeit und auch noch in den nächsten Jahrzehnten auf seiner eiernden Bahn kaum weiter von der Sonne weg ist als Neptun, und, - manche Astronomen finden das einleuchtend - vielleicht gar kein "richtiger" Planet ist, sondern ein "entlaufener Mond des Neptun"? Wer weiß es? Immerhin hat er auch noch seinen Mond dabei. Und was sonst noch alles im wenn auch äußerst schwachen Bannkreis der Sonne gefangen ist? (Weil es weit und breit kein anderes Zentrum gibt: vierzigtausend Modellkilometer - ein ganzer Erdumfang - bis zum nächsten Stern!) Einiges werden wir wohl noch erfahren (lassen).

Neptun: Vom Aussichtspunkt auf Planplatte aus ist unsere Sonnenkugel nur dann ohne Fernglas zu erkennnen, wenn sich die richtige Sonne darin spiegelt. So klein erscheint auch die wahre Sonne vom wahren Neptun aus! Ein etwas dicker Lichtpunkt am immer dunklen Nachthimmel, fast tausendmal schwächer leuchtend als bei uns. Bei klarem Neptunhimmel ist es dort ungefähr so hell wie bei uns unter einer ganz dicken Wolkendecke. Und kalt - zweihundert Grad unter Null! Ach ja, und unser Neptunmodell wäre etwas größer und schwerer als ein Golfball, 5 cm im Durchmesser und 4.5 km von der Sonne entfernt. Da wundert es einen nicht, dass man zu seiner Entdeckung schon sehr gute Fernrohre brauchte - und eine Idee hatte, wo er wohl zu finden sein müsse. Allerdings gesehen hat ihn höchstwahrscheinlich schon 233 Jahre früher Galilei bei seiner Beobachtung des Jupiter - aber er hielt den Lichtpunkt für einen Fixstern...

Der anfangs sehr steile Weg von der Planplatte - das schwierigste Stück - führt nun eine ganze Weile auf der Rückseite ("Nachtseite") des Berges abwärts. Wir sehen Goldern nicht, dafür viele andere (bekannte? - jedenfalls beeindruckende) Alpengipfel. Aber auf einmal, bei der Alp Moosbühlen wird der Blick auf die Dörfer des Haslibergs wieder frei. Hier ist ein schöner Rastplatz, aber nicht auf einer "Planetenbahn"- Neptun im Rücken, Uranus vor uns. Nach einer Ruhepause machen wir uns weiter auf den Weg, halten uns aber möglichst oberhalb der gut sichtbaren Alpstraße. Der Weg ist hier nicht so deutlich markiert, wir folgen einfach dem Lauf eines meist trockenen Bachbetts. Schließlich kommen wir auf eine Lichtung oberhalb der Alphäuser von Gwiggi. Hier machen wir auf einem Baumstumpf oder Felsbrocken einen Halt. (Falls wir den Weg verpasst haben oder mit Absicht die bequemere Alpstraße gelaufen sind, müssen wir hinter den Weiden von Gwiggi etwas in die Hanglichtung hinaufsteigen.) Es ist der richtige Platz, sich auf dem Planeten Uranus sitzend zu denken und die knapp 3 km entfernte Ecole mit ihrer Sonnenkugel zu suchen. Auch von hier aus ist sie noch nicht ganz leicht zu finden. Der Uranus wurde ebenfalls erst mit einem recht gewaltigen Fernrohr entdeckt und ist etwa so groß wie der Neptun. Die 5 cm große Modellkugel passt noch bequem in unsere Hand. Wie alle Planeten des Sonnensystems außer den beiden sonnennächsten hat er Begleiter-Monde, und seit Raumsonden an ihm vorbei flogen, weiß man auch, dass ihn ein "Ring" umgibt, wie wir ihn vom Saturn kennen.
Aber er hat doch eine Besonderheit vor allen anderen Sonnenplaneten. Seine tägliche Drehachse liegt fast genau in seiner Umlaufbahn! Ja und?
Ein Alptraum, wenn wir uns das bei unserer Erde ausmalen würden: An den Polen: Drei Monate lang schraubt sich die Sonne tagtäglich immer höher in den Himmel hinauf, bis sie zur "Sommersonnwende" reglos senkrecht über uns steht. Dann nämlich zielt unsere Seite der Erdachse, nennen wir sie ruhig "Nordpol", genau auf die Sonne. Keine Nacht hat zwischendurch für Abkühlung gesorgt. Nun dreht die Sonne drei Monate lang ihre Runden gemächlich wieder abwärts, bis die Erdachse quer zur Sonne steht. Anschließend ist am Nordpol ein halbes Jahr lang eiskalte Finsternis, während am Südpol nach tiefer Polarnacht und einem kurzen Frühling die sommerliche Hölle ausbricht.
Und wenn unser Äquator ein Uranus-Äquator wäre? Während an dem einen Pol glühende Sommerhölle und am Gegenpol extremer Winter herrscht, läuft dort die Sonne den ganzen Tag so gerade eben um den Horizont. Es dürfte ziemlich kühl sein. Und im Verlauf des nächsten Vierteljahres steigt die Sonne, die Tage auf zwölf Stunden verkürzend und die Nächte auf zwölf Stunden verlängernd, am Himmel immer steiler auf. Schließlich, wenn sie an den Polen gerade verschwindet, beziehungsweise am anderen auftaucht, steigt sie wie in Äquatorial-Afrika senkrecht auf, fährt mittags über unsere Köpfe und geht senkrecht rasch wieder unter. Und das wäre noch das gemäßigste Klima dieser Uranus-Erde. Es wäre für unsereins nirgends auf diesem Planeten ein ganzes Jahr lang auszuhalten. Sämtliche zu erwartenden Klimakatastrophen sind ein Zuckerschlecken gegen diesen Horror. Seien wir froh, dass unsere ein wenig gekippte Erdachse uns die Abwechslung der Jahreszeiten beschert, es aber doch nicht so übertreibt. Es kommen schon allerhand gute Umstände zusammen, die uns hier dieses schöne Leben ermöglichen...
So, gehen wir weiter!

Der Weg führt nun eine ganze Weile ziemlich eben meist durch schattigen Wald, aber schließlich treten wir auf eine weite Wiese hinaus, sind wieder im Bereich der Hochspannungsleitungen der Kraftwerke Oberhasli, vor uns sehen wir auch die Masten der Seilbahn, mit der wir hochfuhren und haben hier beim Vorsass "Steinwurf" wieder einen Blick auf auf das noch 1,4 km entfernte Goldern. Hier ist der Ort, sich den Saturn vorzustellen. Diesen Planeten stecken wir nicht mehr so leicht in die Jackentasche, 12 cm groß ist unsere Modellkugel, ohne den berühmten Ring, der in unserem Modell aber nur ein hauchfeiner Staubschleier wäre. Aus Tannenholz hätte sie das "richtige" Gewicht. Seit Uranus haben wir jetzt auch schon die Hälfte des restlichen Weges zurückgelegt. Die Größe von Saturn und seine relative Nähe - die Menschen brauchten kein Fernrohr, diesen Wandelstern unseres Sonnensystems zu bemerken. Ist er, durchs Fernrohr betrachtet, der schönste? Mag sein. Es ist jedenfalls ein Erlebnis, ihn das erste Mal richtig zu sehen. Wo ist Ihre nächste Volks-Sternwarte? Fragen Sie! Es lohnt sich!

Beim Jupiter sind wir schon auf Golderner Boden. Oppersgaden heißt eines der Häuser, und wenn wir durch die Baumgruppen die Ecole-Sonne erspähen können, sind wir an der richtigen Stelle, kaum mehr als dreiviertel Kilometer bis zur Sonne! Jupiter ist der richtige "Bulle" unter den Planeten, noch etwas größer als Saturn, 14 cm hat die Modellkugel im Durchmesser und ist dreimal so schwer. Vier seiner Monde sind so groß, dass man sie mit jedem Fernglas sehen kann. Galilei war der erste, der sie entdeckte und meinte, damit könne er die Welt endlich davon überzeugen, dass das allgemein geglaubte Weltmodell nicht stimmen könne. Nein, so einfach ließ und lässt sich die Weltmeinung nicht überzeugen!
Heutzutage widmet man diesen vier großen Jupitermonden fast mehr Forscherinteresse als ihrem Herrscher-Planeten, der sein Inneres unter einer völlig undurchsichtigen, aber offensichtlich sehr stürmischen Wolkendecke verbirgt. Hat er überhaupt so etwas wie eine Oberfläche? Man weiß es noch nicht so recht. Aber seit die Voyager-Raumsonden die ersten Fotos der Jupitermonde lieferten, kommen die Astronomen aus dem Staunen nicht mehr hinaus und würden am liebsten gleich hinfahren!

Wir gehen auf dem "Panoramaweg" wieder etwas zurück oder noch weiter vor, folgen dann jedenfalls dem Wegweiser nach Goldern, der uns entweder bequem über eine Wiese oder gleich anfangs steil am Mühlebach hinab abwärts führt. Fliegt uns etwas ins Auge? Denken wir hier bei der vielleicht kleinen Fliege oder dem Staubkorn an einen Planetoiden, über die schon soviel gerätselt und geforscht wurde. Johannes Kepler hatte sich schon vor 400 Jahren seine Gedanken gemacht, warum die damals bekannten Planeten von der Sonne gerade diese Abstandsverhältnisse hätten, und er war überglücklich, eine Erklärung aus der Geometrie dafür zu finden (und er nannte sie 'harmonices mundae - Harmonien der Welt" [Haben Sie schon einmal bemerkt, dass 'Kosmos' und 'Kosmetik' denselben Wortstamm für 'schön' verwenden? ist doch schön, oder?]. Und dann wurde vor ca. 225 Jahren ein anderes ganz elegantes mathematisches Gesetz (von Johann Titius 1776 und Johann Bode 1778 formuliert) gefunden, das diese Abstände noch genauer beschreibt. Aber da fehlte rein rechnerisch ein Planet zwischen Jupiter und Mars. Dort ist der inzwischen entdeckte "Asteroiden-Gürtel" in dem mit immer besseren Beobachtungsmethoden immer mehr immer kleinere Himmelskörper entdeckt werden. Bisher konnte kein Astrophysiker eine vernünftige "Entschuldigung" für das Gesetz von Titius und Bode hergeben. "Es ist halt so!" Und es stimmt auch nur so ungefähr, aber es ist erstaunlich. Jedenfalls tummeln sich im Bereich zwischen Jupiter und Mars unzählige dieser Brocken (bis fast einem Kilometer im Durchmesser, in unserem Modell also ein kleines Sandkorn) und Bröckchen, von denen der des 'Kleinen Prinzen' von Antoine de Saint-Exupéry vielleicht doch der für uns interessanteste ist. Und etliche tummeln sich auch außerhalb dieser Zone, aber das soll uns jetzt nicht kümmern, auch wenn einige Pessimisten meinen, es könnte ein solcher Irrläufer uns irgendwann einmal aufs Haupt fallen.

Der Mars spielt uns einen kleinen Streich, denn um von seiner Position auf dem Wanderweg auf die Ecole zu schauen, müssten die Bäume im Mühlebachtobel durchsichtig sein. Auf der Wiese am jenseitigen Ufer des Baches ist auf halber Höhe ein Stock als Landmarke eingesteckt - und der steht zufällig in der richtigen Entfernung von der Ecole-Sonne: rund 230 Meter. Aber wenn nicht gerade das Gras geschnitten ist, wollen wir uns den flurschädigenden und dazu noch sehr steilen Umweg lieber verkneifen. Seit vor über hundert Jahren der Astronom Schiapparelli glaubte, in seinem Fernrohrbildchen des Mars bei genauem Hingucken feine Linienmuster zu sehen und diese für künstliche Kanäle hielt, haben die Spekulationen, ob es auf dem Mars Leben gibt, oder gab, vielleicht sogar "zivilisiertes" Leben, was auch immer das sei, nicht mehr aufgehört. Ein Rätsel ist auch, dass der englische Autor Jonathan Swift 1726 in seinem berühmten satirischen Buch 'Gullivers Reisen' bei den Astronomen der Phantasie-Insel Laputa zwei Marsmonde vorkommen lässt, die Besonderheiten ihrer Umlaufbahn beschreibt - und diese winzigen Monde mit ihren wirklich absonderlichen Umlaufbahnen ganze 150 Jahre später tatsächlich entdeckt wurden. Erich von Däniken hatte eine Erklärung dafür parat - diese Monde seien verlassene Raumstationen der Marsianer, aber das ist inzwischen durch aus der Nähe aufgenommene Fotos auch widerlegt. Allerdings vermutete schon Galilei, dass der Mars zwei Monde haben sollte, denn die Erde hat einen, der Jupiter vier, dann wäre das doch logisch...

Gleich ist der steile Weg zu Ende, und von der Garage linker Hand aus sehen wir die Sonnenkugel der Ecole so groß wie die richtige Sonne am Himmel. Wir sind hier 150 m von der Ecole entfernt, Erde!
Es gibt so kleine Schmuckanhänger in Erdkugelform, 13 mm groß sind sie manchmal, die sind richtig! Und dann halten Sie ein 3 mm großes Samenkorn in 30 cm Abstand davon, dann haben Sie den Mond. Und nun stellen Sie sich einmal vor, es wäre Nacht und diese Modellsonnenkugel da vorne auf dem Dach wäre nicht nur so ein Rippenwerk sondern ein richtig runder Ball und dieser 1,4 m dicke Ball wäre fünfeinhalbtausend Grad heiß! So heiß ist nämlich die Sonne an ihrer Oberfläche. So etwas kann man nicht machen, aber wir können es uns denken. Diese "Lampe" alleine würde unseren Platz wirklich taghell erleuchten und sonnig wärmen, und auf unserem bisherigen Weg hätten wir auch jeweils die "richtige" Beleuchtung gehabt. Wieviel Kilowatt diese Lampe hätte? Knapp Dreihunderttausend!
Wiegen würde unser Sonnenmodell übrigens im richtigen Maßstab rund zwei Tonnen. (Eine massive Aluminiumkugel dieser Größe wäre etwa doppelt so schwer, wir müssen uns ein anderes Material ausdenken, 1,4 mal so viel wie Wasser). So und jetzt geben wir unserer kleinen Erdkugel einen ganz winzigen Schubs, dass sie in 7 1/2 Minuten gerade 13 mm weit kommt, ihren Durchmesser. Sie liegt dann also "neben sich". Natürlich ist das wieder ein sogenanntes "Gedankenexperiment". Wenn wir die Kugel in unserer Wirklichkeit loslassen, liegt sie in einer Viertelsekunde auf unserer wirklichen Erde. Wir müssen uns also diese Erdenschwere einmal wegdenken, und die wirkliche Sonne auch, nur noch unser Zwei-Tönner Sonnenmodell und unsere kleine Erde, die etwa 5 Gramm hat. Und dieses angeschubste Erdchen bewegt sich nun quer zur Sonnenrichtung, alle 7 1/2 Minuten seinen eigenen Durchmesser hinter sich bringend - und dies tut die richtige Erde nämlich auch (und etwa genau so weit kommt in dieser Zeit das Sonnenlicht zu uns, zehntausendmal schneller). In einem Jahr kommt es so einen ganzen Kilometer weit, aber nicht etwa weg, sondern unser Erdchen kommt ganz brav wieder aus der anderen Richtung bei uns an - wenn wir so lange warten wollen... Warum flog es nicht geradeaus, wo es doch nicht auf die richtige Erde fallen konnte, weil sie aus unserer Gedankenwelt verschwunden war? Weil die 2-Tonnen Modellsonne im Modellabstand Erde-Sonne, also 150 m, an unserem Modell gerade so "stark" zieht, dass unser Modellkügelchen jederzeit ein bisschen vom eigentlich geraden Weg abgelenkt wird, so dass sich seine Bahn zu einem kilometerlangen Kreis (Radius 150 Meter) schließt. Dass die Schwerkraft nichts typisch irdisches ist, sondern für jeden Himmelskörper und auch für jeden irdischen Brocken gilt, diese Erkenntnis haben wir Isaac Newton zu verdanken.

Die Versuchung ist natürlich groß, schon jetzt links herum zum "Pöstli", der Gastwirtschaft zur Post, abzuschwenken, aber bleiben wir doch noch ein kurzes Stück rechts herum auf unserer Planetentour. Venus - ihr Platz ist etwa 15 Meter vor der Straßenlampe, 108 Meter von der Sonne entfernt. Dass auf der richtigen Venus ein ganz übles Klima herrscht - 400 Grad im Schatten bei gelegentlichem Schwefelsäureregen - manchmal nimmt einem die Weltraumforschung leider auch schöne Illusionen! Schauen Sie, wieviel größer jetzt die Sonnenkugel erscheint, das erklärt diese Zustände etwas.

Noch ein bisschen weiter, jetzt sind es ja nur noch fünfzig Meter bis zum Merkur. Er ist gerade dort, 58 Meter von der Sonne entfernt, wo wir die Straße überqueren müssten, um die Sonne noch näher zu betrachten. So groß erscheint die Sonne am Merkurhimmel: das bedeutet gnadenlose Hitze! Von den übrigen Strahlungen dieses "Atomofens" ganz zu schweigen, keine Atmosphäre hält sie ab!

Nein direkt zur Sonne auf das Dach des Max-Cassirer-Hauses der Ecole d'Humanité führt kein Besucherweg! Aber unter dem Dach können Sie demnächst noch die unterwegs vielleicht vermissten maßstäblichen Modellkugeln und weitere Beschreibungen unserer Planetenwelt anschauen. Treten Sie also noch näher!

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